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Meine Großmutter Johanna alias Jeanette Rafaela Stein


Sie war der Nachkömmling und letztes Kind meiner Urgroßeltern Filip Stein und Pauline Posamentier.
Ihr Geburtsort war Keblov/Keblau, Bohemia, Czech

Der Ehemann von ihrer Schwester Anna, Isidor Israel, der selber aus einer Musikerfamilie stammte, erkannte und förderte ihre
musikalische Begabung. Sie erhielt eine Gesangs- und Klavierausbildung am Kölner Konservatorium.
Der Traum von einer Opernkarriere erfüllte sich leider nicht, da ihre Stimme zu Koloratursängerin nicht kräftig genug war.


Maskerade - Johanna als Stubenmädchen mit Isidor 1905


Konservatoriumsgruppe Köln 1905

Johannas Konservatoriumsgruppe um 1905 in Köln
Aufführung "Die neugirigen Frauen" von Ermanno Wolf-Ferrari.
Zum Ensemble gehörte auch Johannas weißer Pudel.


Hendrik Appels Opernsaenger
Später gab sie Klavieruntericht und begleitete einen sehr guten Freund der Familie und Untermieter,
den holländischen Opernsänger Hendrik Appels,Tenor,
der Anfang der Zwanziger Jahre ein Engagement am Kölner Operhaus hatte
bei seinen Gesangsvorbereitungen am Klavier.

Ungefähr zu dieser Zeit entstanden zwei Ölgemälde, porträtiert von Max Liebermann, von ihr und ihrer SchwesterAnna Israel, geb. Stein - siehe dort,
die während der Zeit der Nazionalsozialisten abhanden gekommen sind. Entweder durch Enteignung, Zwangsverkauf oder ähnlichen
Umständen. Die Gemälde gehören zur Naziraubkunst und lt. der Washingtoner Erklärung von 1998, die die Rückgabe von Naziraubkunst regelt, sind Zwangsverkäufe nicht rechtsgültig, d.h., diese Bilder müssen den ursprünglichen Besitzern zurückgegeben werden; was in der Regel nicht passiert.

Durch die damalige Gesetzesgebung der Nationalsozialisten wurde meiner Familie die Grundlage zum Arbeiten bzw. Geldverdienen genommen. Infolgedessen bestand nur noch die Möglichkeit wertvollen Besitz - Zwangsverkauf - (sofern überhaupt noch welcher vorhanden war) zu verkaufen, um offene Rechnungen zu bezahlen und vor allem, um weiterleben zu können.

 

Meine Suche seit 1982 nach den sechs Gemälden von Max Liebermann blieb leider erfolglos. Übrig blieben viele Fragen, aber keine Antworten.
Wo befindet sich das Gemälde meiner Großmutter heute? Lt. Überlieferung hieß es, dass das Bild verkauft werden mußte, um die teuren Arztkosten, zu bezahlen. Krankenversichert war sie ja nicht mehr und jüdische Ärzte durften ab 1935 nur noch Privatpatienten behandeln.
Wurde es später in Südafrika Johannisburg von Ihrem behandelnden Arzt/Internist Dr. N. und Freund, der im Oktober 1936 mit Familie nach Südafrika Johannesburg emigrierte, verkauft?

lobito
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  Ende 1936 erhielt meine Großmutter aus Südafrika eine Postkarte von ihm.
 Im August 1937 verstarb meine Großmutter an Tuberkulose verstorben. 

 

Bachemerstr. 66

Ihr Leben stand von Anfang an unter keinem guten Stern.
Schon als kleines Mädchen verlor sie ihren Vater.
Von Keblov, Böhmen, Czech, zog sie nach Wien, Berlin und 1905 nach Köln.

Köln wurde für sie zur Heimat und hier fühlte sie sich in den ersten Jahren wohl.




Die unbekümmerte Zeit hielt nicht lange an. 1911 wurde ein Jahr der Enttäuschungen.
Aus der fröhlichen jungen Frau, wurde ein sehr ernster Mensch.

Ein paar Jahre später kam ihre Tochter Raphaela zur Welt. Sie wurde das Kind der drei Schwestern und wuchs in
einem wohlbehüteten und abgeschirmten Umfeld auf.



Von der Bachemerstrasse zogen sie in die Friedrich-Schmidt-Strasse.



Mehr noch als ihre eigene Mutter, liebte Rafaela ihre Tante Anna. Sie war für sie "die Mutter".
Re. Foto: Junger Mann stehend, Albert, Sohn von Franz Hubert Bourgeois, Köln 1919.


Köln 1919

1932 meine Großmutter und Mutter noch immer wohnhaft in Köln-Lindenthal.
Die Zeit heilt alle Wunden und ihr lächeln kehrte zurück.
Wenn auch nur von kurzer Dauer.
Neue Schicksalsschläge bahnten sich an. Antisemitismus, Krankheit, Verfolgung, Tod.


Ende 1932 - Umzug nach Hamburg - mit der Hoffnung auf ein besseres Leben und ohne Anfeindungen.
1932 galt Hamburg noch als weniger antisemitisch.

Antiquitätengeschäft 1934

 

Stolz auf die große Tochter, die auf der Hamburger Privatkunstschule Gerda Koppel, Mittelweg 169, studierte. 1938 mußte meine Mutter die Schule verlassen.
*Gerda Koppel. dänische Jüdin, emigrierte am 16.1.1940 nach Kopenhagen.
Bertha, Johanna und Raphaela vor ihrem neueröffneten Antiquitätengeschäft Bourgeois in Hamburg 36, Colonnaden 23-27 -
Das Geschäft wurde im Zuge der Arisierung aufgelöst.




Noch war die Welt für sie einigermaßen in Ordnung. Aber es war nur die Ruhe vor dem Sturm bis das ganze Unheil
über alle Beteiligten hereinbrach. Die Einzige, die die NS-Herrschaft unter schwierigen Bedingungen überlebt hat,
war meine Mutter und meine Schwester.



Die letzten Fotos meiner Großmutter Johanna alias Jeannette bevor sie im August 1937 an Tuberkulose starb.
Als Kind habe ich immer bedauert, dass ich sie nie kennen lernen durfte. Ich hätte gerne mehr aus ihrem Leben erfahren. Aber was wäre passiert, wenn Sie nicht so früh gestorben wäre? Emigration oder KZ. Eine große Auswahl hatte sie nicht. Heutzutage weiß ich, dass ihr
durch ihren frühen Tod viel Leid erspart geblieben ist.

*Quelle, Maike Bruhns, Kunst in der Krise, Band 2, Künstlerlexikon Hamburg 1933 - 1945, Gerda Koppel, Seite 243

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